Open Source Geschäftsmodell

Ich hatte vor einiger Zeit mal eine ausführliche Diskussion mit einem VWL-Studenten über das Open Source Geschäftsmodell. Ich hatte versprochen, dass ich mal in meinem Blog meine Sicht zu Open Source in der Wirtschaft niederschreibe und warum das Ganze überhaupt funktioniert. Natürlich habe ich keine Ahnung von VWL, BWL und keinen Einblick in die Firmen, kann also nicht wissen, wie gut oder schlecht die verschiedenen Open Source Firmen dastehen.

Was ist Open Source?
Open Source ist eine seit 10 Jahren (Freie Software ~20 Jahre) in der Informatik existierende Bewegung, die ein konkurrierendes Geschäftsmodell zur klassischen Lizensierung von Software (Proprietäre Software) darstellt. Bei proprietärer Software erhält der Käufer (Anwender) nur eine eingeschränkte Benutzungslizenz. Es gibt verschiedene Bezahlungsmodelle. So ist es durchaus üblich für jede Version einmalig zu zahlen oder aber für die mit der Software erbrachte Rechenleistung (pro Jahr, pro Anzahl Prozessoren, etc.). Der Quellcode ist jedoch nicht in der Lizenz erhalten, der Käufer erhält meistens nur eine vorkompilierte, zum Teil angepasste Binärversion.

Bei Open Source liegt der Quelltext offen, wobei der Verkauf der Software nicht ausgeschlossen ist. So ist es durchaus möglich für die Bereitstellung der Open Source Software als Datenträger oder als Download Geld zu verlangen, jedoch müssen dem Nutzer bzw. Käufer einige grundlegende durch eine spezielle Softwarelizenz garantierte Freiheiten eingeräumt werden. Dazu gehört die Bereitstellung des Quellcodes und das Recht diesen zu verändern oder einfach nur weiterzugeben. Ein Käufer einer kostenpflichtigen Open Source Software hat also das Recht diese kostenfrei weiterzugeben. Daher ist in der Regel Open Source Software kostenlos erhältlich, die anfallenden Bereitstellungskosten werden anderweitig (z.B. Werbung) finanziert. Im Allgemeinen haben sich zwei Lizenzen in der Freien und Open Source Welt durchgesetzt: die GPL und Apache Lizenz. Die GPL ist die bedeutend striktere. Sie garantiert dem Benutzer, dass die Software auch in jeder zukünftigen Version unter der gleichen Lizenz stehen wird. Die Apache Lizenz ist pragmatischer und erlaubt auch den Einsatz in proprietärer Software oder in Verbindung mit anderen Lizenzen und ist daher im unternehmerischen Bereich beliebter.

Die Community
Um die meisten Open Source Projekte has sich eine sogenannte Community entwickelt. Diese entwickelt und supportet die Software. Die Community besteht meistens sowohl aus Firmen als auch aus freiwilligen Entwicklern, die ihre Freizeit dafür opfern. Warum Firmen dabei mitarbeiten, schauen wir uns später an. Für die Freiwilligen gibt es verschiedene Motivationsgründe:

  • Sie haben lange von der Software profitiert und wollen aus “Dankbarkeit” etwas zurückgeben
  • Sie wollen mithelfen das Produkt noch weiter zu verbessern, eigene Ideen einzubringen
  • Eine Möglichkeit die eigenen Kenntnisse im Rahmen eines professionellen Projekts zu verbessern
  • Durch die offene Mitarbeit sich selber profilieren und bessere Jobaussichten zu bekommen
  • viele weitere

Für mich als KDE Entwickler trifft eigentlich jeder der oberen Punkte zu. Der erste ist sicherlich der wichtigste, jedoch angesicht meines in absehbarer Zeit endendes Studiums ist auch der letzte Punkt durchaus ein wichtiger Motivationsfaktor.

Software, die in einem Community-Prozess entwickelt wird, ist von den Entwicklungskosten her bedeutend billiger als proprietäre Software. Trotzdem können “Nice-to-have” Features implementiert werden, da die Entwicklung der Software nicht das Geschäftsziel ist. Community Software enthält somit meistens mehr Features, ist in mehr Sprachen übersetzt, mehr usable als vergleichbare konkurrierende proprietäre Software. Dazu kommt, dass quelloffene Software von konkurrierenden quelloffenen Projekten durchaus profitieren kann, da es Code einfach austauschen kann.

Nun wollen wir uns den verschiedenen Geschäftsmodellen widmen.

Dual Lizensierung
Die Dual Lizensierung ist sicherlich das interessanteste und erfolgreichste Open Source Geschäftsmodell. Das vorzeige Projekt ist Suns MySQL. Die Software wird nicht in einem Community Prozess entwickelt, sondern ausschließlich von einer Firma. Das Copyright des Quelltextes liegt somit in der Hand der Firma und diese kann die Software unter verschiedene Lizenzen stellen (Änderungen durch die Community fließen nicht in die Software ein). Im Falle von MySQL wird eine proprietäre Lizenz angeboten und die GPL. Die GPL erzwingt, dass MySQL nur in Verbindung mit GPL-lizensierten Projekten verwendet werden kann. Für den einfachen Anwender (wie die vielen Webseiten) völlig ausreichend. Für große Open Source Projekte ebenfalls. So verwendet MediaWiki (die Engine der Wikipedia) MySQL, genauso wie die bekannte Blog-Software WordPress. Für Firmen ist dies jedoch nicht geeignet. Sie wollen in der Regel nicht die GPL und erwerben nun bei – in Zukunft – Sun eine Lizenz für MySQL. Der Vorteil dieses Modells ist, dass durch die kostenlose Variante die Software schnell zum Einsatz gelangen kann und auch bei Prototypen durchaus zum Einsatz kommt. Eine proprietäre Lizenz kann im Nachhinein immer noch gekauft werden. Dieser Ansatz ist so erfolgreich, dass im Januar Sun die Firma MySQL AB für $ 1 Mrd. gekauft hat. Im Februar hat Sun auch noch die Firma Innotek gekauft, und im Januar Nokia Trolltech. Ebenfalls zwei Firmen, die dieses Lizensierungsmodell verfolgen.

Support
Das zweite bekannte Modell ist das Support Modell. Firmen bieten kostenpflichtigen Support für Open Source Software an. So garantieren sie zum Beispiel Sicherheitsupdates bereitzustellen und helfen bei der Installation. Das Geld, das mit der Erbringung von Support erwirtschaftet wird, fließt in die Entwicklung der Open Source Software. Wir haben somit eine Trennung von Produkt und Finanzierung des Produkts. Das Produkt wird kostenfrei angeboten und dies wird über Support finanziert. Dazu kommt, dass die Software auch von der Community entwickelt wird. Die Firma also nicht so viel Entwicklungszeit finanzieren muss und einfach nur professionell leitend eingreifen muss. Für die Community stellt das keinen Konflikt da, da die Firmen nicht mit ihrem Quellcode Geld verdienen sondern mit einem Zusatzprodukt. Die Unterstützung durch die Firmen ist daher durchaus willkommen und auch gefordert. Prominente Beispiele dieses Modells sind RedHat und Canonical.

“Nebenprodukt”
Bei vielen großen IT-Firmen fällt Software im Rahmen eines internen Projekts als “Nebenprodukt” an. Ein klassisches Beispiel ist die Java Entwicklungsumgebung Eclipse, die von IBM entwickelt wurde. Die Firmen geben diese Produkte als Open Source frei um durch die Community eine weitere Verbesserung zu erhalten, wovon sie auch profitieren. Die Software betrifft nicht ihre Kernkompetenz und es ließe sich ohne die Community und viel Geld kein konkurrenzfähiges Produkt entwickeln. Somit ist Open Source hier ideal. Es ist somit nicht wirklich ein Geschäftsmodell 😉

Der Pakt mit dem Teufel
Dies ist das letzte von mir vorgestellte Geschäftsmodell. Es ist das neuste und am wenigsten Erfolg versprechende Geschäftsmodell. Mehrere Linux Distributoren haben einen Deal mit einer konkurrierenden Firma geschlossen, der sie und zahlende Kunden vor Patentklagen schützen soll und dafür Geld erhalten. All diese Distributionen sind entweder unbedeutend oder haben in den letzten Jahren massiv User verloren. Die Deals dürften die Firmen kurzfristig retten, jedoch langfristig besteht keine Chance für sie. Anwender und freie Entwickler verlassen die Distributionen und wenden sich garantiert freien Distributionen zu. Dazu kommt, dass der diskriminierende Ausschluss per GPLv3 verboten ist. Die Distributionen verlieren beim Einsatz derartig lizensierter Software die Vorteile des Deals oder können die Software nicht einsezten. Langfristig werden sie dadurch keine aktuelle Software anbieten können und somit verschwinden.

Zusammenfassung
Open Source insgesammt stellt eine komplett neue wirtschaftliche Entwicklung dar. Manche würden es sicherlich als funktionierenden Kommunismus bezeichnen, wovon ich mich jedoch distanziere. Bei Open Source geht es um sehr viel Geld – es ist also ein kapitalistisches System. Bei Open Source erfolgt eine Trennung zwischen Anbieten einer Ware und deren Finanzierung. Ein Ansatz der sich wahrscheinlich auf viele weitere Wirtschaftsbereiche ausbreiten ließe. Das Prinzip Google basiert zum Beispiel darauf (Finanzierung über Werbung). Aber auch im Wissensbereich sehen wir zur Zeit eine klare Öffnung. Wissen ist kostenlos geworden und in Zukunft wird es den Brockhaus nur noch online geben, kostenfrei und quersubventioniert. Ich denke, dass sich das Modell der Öffnung weiter verbreiten wird und auch in anderen Bereichen zum Einsatz kommt. Warum nicht freie Baupläne, kostenlose Kaffeemaschinen, etc.? All dies ließe sich wohl quersubventionieren. Jedoch solange Open Source in kritischen Bereichen (Desktop) so eine Nischenstellung hat, werden wir es wohl kaum erleben, dass BWLer davon etwas mitbekommen. Jedoch wer weiß – vielleicht in 50 Jahren…

6 Replies to “Open Source Geschäftsmodell”

  1. Unter “Nebenprodukt” kannst du das Stichwort Coopetition einfügen; dann verstehen Wirtschaftsmenschen das ein wenig besser.

  2. Du hast es ja jetzt dazugeschrieben 😉 und mir sagt der Begriff als Nicht-BWLer nicht wirklich viel. Wobei ich – wenn ich die Wikipedia richtig verstanden habe – den Punkt eher der Kategorie Support zuordnen würde, wo mehrere Distributoren zusammenarbeiten und trotzdem Konkurrenten sind.

  3. Nein, eben nicht support:
    Nimm als Beispiel den Embedded-Bereich: Jedes der tollen neuen Home-NAS-Geräte unterstützt einige Protokolle und hat eine Weboberfläche.
    Die Standard-Protokolle FTP, SMB und HTTP unterstützen Alle; es ist kein Alleinstellungsmerkmal. Ergo kooperieren sie in dem Bereich (über die filezilla, samba und Apache Projekte).
    Das echte Alleinstellungsmerkmal im home-Bereich ist die Weboberfläche; die wird weiterhin von jedem selbst gebastelt.

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