Unwissenheit ist Stärke

Man konnte sich durchaus eine Gesellschaft vorstellen, in der der Wohlstand, im Sinne von persönlichem Besitz und Luxus, gleichmäßig verteilt war, während die Macht in den Händen einer kleinen privilegierten Kaste blieb. Doch in der Praxis konnte eine solche Gesellschaft nicht lange stabil bleiben. Denn wenn alle in der gleichen Muße und Sicherheit lebten, würde die große Masse der Menschen, die normalerweise durch die Armut verdummt sind, sich weiterbilden und selbständig zu denken lernen; und waren sie erst einmal soweit, würden sie früher oder später dahinterkommen, dass die privilegierte Minderheit keine Funktion besaß und sie hinwegfegen. Auf lange Sicht war eine hierarchische Gesellschaft nur auf der Basis von Armut und Unwissenheit möglich.

(George Orwell, 1984)

Oder wie es Karl Marx ausdrückte (finde das genaue Zitat nicht): Die Aufgabe des Staates ist es die herrschende Klasse an der Macht zu halten.

Beide Zitate sind schon recht alt, aber man sieht, dass sich in den etwa hundert Jahren, die zwischen diesen Zitaten liegt nicht sehr viel geändert hat. Die Masse der Bevölkerung ist arm und nicht unbedingt intelligent, während es eine kleine reiche Minderheit gibt, die das Volk regiert und alles dafür unternimmt, dass sie ihre Macht behalten. Schauen wir noch weiter zurück, so sehen wir, dass dieser Zustand schon viel früher herrschte: “Brot und Spiele”; man hält den Pöbel bei Laune, um weiterhin in Saus und Braus leben und regieren zu können.

Und heute? Hat sich etwas geändert? Nun die Mehrheit der Bevölkerung lebt nicht mehr in Armut und der Weg zur Bildung ist eigentlich jedem offen. Doch wie sieht es in Wahrheit aus? In Deutschland haben wir ein Schulsystem, das über das Schicksal eines jeden Menschen bereits im Alter von 10 Jahren entscheidet. Die Kinder werden in die Klassen eingteilt, die sich “Hauptschule”, “Realschule” und “Gymnasium” nennen. Durchreichen nach unten: kein Problem. Durchreichen nach oben: schon sehr schwer und selten. Bereits im Kindesalter wird sichergestellt, dass es weiterhin die Schichten gibt. Die Möglichkeit zur Bildung wird verwehrt und durch die einfache Arbeit, die sie größtenteils später ausüben, garantiert der “herrschenden” Klasse die Finanzierung des Studiums.

In den letzten 10 Jahren hat sich aber ein weltweites gesellschaftliches Phänomen entwickelt: das Internet. Plötzlich ist es auch der “niederen” Klasse möglich sich einfach zu informieren, Wissen zu beziehen. Man braucht nicht mehr studiert zu haben um an wissenschaftliche Daten zu kommen. Alles Wissen der Welt ist nur noch einen Mausklick entfernt. Nun kommen wir also in die Situation, die Orwell in seinem legendären Buch anspricht. Die “niedere” Klasse könnte erkennen, dass wir Politker, reiche und korrupte Wirtschaftsbosse, etc. eigentlich nicht bräuchten.

Wir sehen die herrschende Schicht gerät in Gefahr. Und unternimmt sie etwas dagegen? Ja, sehr viel. Zuerst versucht sie natürlich die Schichten der herrschenden Klasse, die eine Veränderung befürwortet, zum Schweigen zu bekommen. Dies sehen wir in vielen Bereichen. Kritik an dem System wird bekämpft. Grundrechte werden mißachtet und uns eine Bedrohung von Terrorismus vorgespielt, mit dem alle “Aufrechterhaltensmaßnahmen” gerechtfertigt werden. So geschehen dieses Wochenende in Hessen. In Frankfurt werden Studenten willkürlich verhaftet, Versuche Wahlbetrug zu verhindern wurden mit Anzeigen wegen Störung einer Wahl beantwortet. Allein die Tatsache, dass Wahlgeräte zugelassen sind (und anscheinend bei Parteimitgliedern gelagert werden) zeigt doch, wie wenig wir Bürger noch einem Wahlergebnis trauen können. Es gibt keine Möglichkeit einen Wahlbetrug festzustellen, ein vorheriges Verbot der Geräte wird abgelehnt, Kontrollen (die jedem Bürger zustehen) mittels Anzeigen verhindert.

Aber auch der Versuch der “niederen” Klasse sich weiter zu bilden wird torpediert. Vorratsdatenspeicherung und Bundestrojaner um nur mal zwei Schlagwörter zu nennen. Komplette Überwachung der Kommunikation – der Grundstein ist gelegt. Wo werden wir in fünf oder zehn Jahren sein? Wird protokolliert werden, welche Webseite wir aufrufen, was wir gelesen haben? Müssen wir damit rechnen, dass wenn wir auf die “falsche” Seite klicken, wir vom Verfassungsschutz (der “Gedankenpolizei”) abgeholt werden – natürlich unter dem Vorwand des Terrorismus? Was ist überhaupt Terrorismus? Ein schönes Wort – die Bedeutung kann sehr gedehnt werden. In Italien sind es heute schon Fußballfans. Werden bald Kritiker das Staates dazugehören? Linke Politiker wurden ja bereits vom Verfassungsschutz beobachtet. Baden-Württembergs Verfassungsschutz beobachtet angeblich junge Männer, die sich für Datenschutz interessieren. Alles Terroristen? Aus Sicht der “herrschenden” Klasse sicherlich. Sie wollen nicht alles dafür unternehmen den Status quo beizubehalten.

Zur Zeit geistern viele Ideen von Politikern durch die Medien, die einzig und alleine das Ziel haben, den Internetzugang einzuschränken. Komplettes Durchforsten des Traffics nach “bösen” Wörtern und entsprechende Blockade. Kappen des Internets, wer illegal Musik herunterlädt (womit man wohl jeden Bürger vom Internet befreien könnte). Hauptsächlich die Ideen von Konservativen und/oder stammen aus dem Vorbildüberwachungsstaat United Kingdom (nebenbei gesagt 1984 spielt in diesem Land).

Wenn unsere Politik es tatsächlich schaffen sollte, langfristig die größte Stärke des Internets zu beseitigen (nämlich den freien Zugang zu Information und Wissen) und man sich in Gefahr begibt, wenn man nach bestimmten Begriffen sucht oder bestimmte Seiten besucht, dann haben wir einen Zustand erreicht, indem man nur noch als Unwissender absolut sicher sein kann. Dann leben wir in Orwells Überwachungsstaat: “Unwissenheit ist Stärke”

(Das sind so die Gedanken, die einem kommen wenn man 1984 etwa zur Hälfte gelesen hat. Ich kann es nur empfehlen. Lest es solange es noch nicht verboten ist ;-) )

2 thoughts on “Unwissenheit ist Stärke”

  1. Hehe, das Gefühl kenne ich ;-)

    Wobei diese Gedanken ganz natürlich sind. 1984 ist in weiten Teilen eine extrem prägnante Beschreibung menschlicher Gesellschaften und ihrer Schwächen insgesamt und von daher ein gutes Stück allgemein gültig.

    Wobei ich aber in den letzten Jahren zu der Überzeugung gelangt bin, dass es den “großen Plan” der “bösen Eliten” (auf so was läuft dein Artikel ja hinaus) nicht gibt. Das Vorgehen der “herrschenden Klasse” ist viel zu sehr von Partikulärinteressen und persönlichen Beziehungsgeflechten geprägt, als dass es das “eine Ziel” geben könnte.

    Aber insgesamt sehe ich auch eine Erosion der Macht im herkömmlichen Sinne. In früheren Zeiten konnten die Herrscher ihre Macht immer durch einen enorm höheren Lebensstandard zeigen (das wird in 1984 ja auch aufgegriffen). Das ist heute auch noch die “natürliche” Form, die eigene Macht zur Schau zu stellen. Nun ist es halt so, dass bei allgemein extrem niedrigen Lebensstandard bereits geringe Vorteile große Privilegien sind.
    Aber in einer Gesellschaft wie der unseren mit extrem hohem Lebensstandard auch der unteren Schichten ist die Differenzierung nicht so einfach. Der Sprung von “Zeitung” auf “Fernseher” bedeutet eine enorme Steigerung der persönlichen Verhältnisse. Aber der unterschied zwischen einem 50€-Aldi-TV und Plasma-HDTV in jedem Raum ist vom Prinzip her eigentlich marginal. Und heute hat jeder ein Auto, einen Fernseher, eine hohe Lebenserwartung und Freizeit.
    Alles was die “da oben” noch draufsetzen können ist eine Sahnehaube.

    Mit Informationen und Wissen wird es genau so laufen. Wissen ist Macht – und wenn jeder sich beliebig Wissen aneignen kann, ist es mit der Macht dahin.

    Die Erhöhung unseres Lebensstandards hat ja schon zu einer enormen Vergrößerung der “herrschenden Klasse” geführt. Die größte Gefahr für die “da oben” ist immer Veränderung, weil Veränderung immer ein schrumpfen der eigenen Privilegien bedeutet. Deshalb wird jede Änderung immer erst mal mit Argwohn beobachtet und bekämpft. Ganz instinktiv.

  2. Persönlich denke ich auch nicht, dass es den großen Plan von denen da oben gibt. Jedoch verfolgen sie ihn unwissentlich mit ihrer Politik. Kurzfristig gedacht, mögen alle Entscheidungen sogar sinnvoll sein. Stärkung der Wirtschaft führt zu mehr Arbeitsplätzen, Überwachung des Internets kann vielleicht Terrorismus verhindern. Langfristig führt es aber dazu, dass die Reichen immer reicher werden, und das unser Rechtsstaat durch einen präventiven Überwachungsstaat ersetzt wird. Dieser führt zwangsläufig in eine Diktatur ähnlich der, die in 1984 beschrieben ist. Das ist meine Angst bei der derzeitigen Politik. Hoffen wir, dass meine Angst unbegründet ist und 2008 das Jahr der “Internetfreiheit” dank Karlsruhe wird.

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